Was bietet das Festival?

(1.) RESIDENZEN für künstlerische Experimente  – Thema FABULATIONEN
15. Juni – 5. Juli 2020, Mannheim

Angeboten wird je eine Residenz in Mannheim von drei Wochen (vom 15. Juni - 5. Juli 2020) für freie Künstler*innen oder Gruppen der Darstellenden Künste aus Mannheim und der Metropolregion Rhein-Neckar von bis zu vier Personen. Die Abschlusspräsentation wird auf dem Festival 3.- 5. Juli 2020 stattfinden. Es werden bis zu vier Residenzen vergeben. Die Künstler*innen aus der Region sind insbesondere eingeladen, sich interdisziplinär und überregional zu vernetzen und in neuen Konstellationen zu bewerben.


Voraussetzungen:

  • Das Angebot richtet sich an freie Künstler*innen und Gruppen in Mannheim und der Metropolregion Rhein-Neckar aus allen Bereichen der Darstellenden Künste.
  • Mindestens eine Person muss ihren Lebens- oder Arbeitsmittelpunkt in der Metropolregion Rhein-Neckar haben.
  • Durchführung von künstlerischen Vorhaben, Experimenten, interdisziplinären Projekten, neuen Formaten, selbstgestellten Aufgaben oder laufenden Arbeitsvorhaben, im öffentlichen Raum oder im Theater, mit Bezug zum Festivalthema FABULATIONEN. Informationen zum Thema  hier
  • Das künstlerische Vorhaben umfasst die szenische Recherche, Probenarbeit und Abschlusspräsentation auf der Basis des eingereichten aussagekräftigen Konzepts.
  • Verbindliche Verfügbarkeit aller Künstler*innen / Gruppenmitglieder in der Residenzzeit vom 15. Juni - 5. Juli 2020.
  • Öffentliche Abschlusspräsentation von mindestens 20 Minuten während des Festivals vom 3. - 5. Juli 2020.
  • Öffnung der Proben nach Absprache.
  • Bereitschaft an einem öffentlichen Gespräch über die gezeigte Arbeit teilzunehmen.
  • Teilnahme an einem Austauschformat mit anderen teilnehmenden Künstler*innen und Gruppen.


Umfang pro Residenz:

  • Vergütung von 1.700 € brutto pro Person (für max. 4 Personen pro Gruppe).
  • Ein Unkostenbeitrag in Höhe von 1.000 € brutto pro Gruppe für Ausstattung und Material.
  • Ggf. anfallende Fahrt- und Unterkunftskosten für auswärtige Gruppenmitglieder (bis max. 500 € brutto pro Person auf Nachweis). Das Kulturamt hilft vermittelnd bei der Suche nach günstigen Unterkunftsmöglichkeiten.
  • Nutzung eines Proben- und Präsentationsorts in Mannheim für drei Wochen vom 15. Juni - 5. Juli 2020.
  • technische und dramaturgische Begleitung während der Arbeitsphase vom 15. Juni - 5. Juli 2020.
  • technische Betreuung der Abschlusspräsentation im Rahmen des Festivals vom 3. - 5. Juli 2020.


Die Bewerbungsunterlagen müssen enthalten:

  • Ausgefülltes Bewerbungsformular Residenzen PDF BEWERBUNGSFORMULAR
  • Künstlerisches Konzept: 1-2 DIN A 4 Seiten Ideenskizze mit Beschreibung der eigenen ästhetischen Praxis und Darlegung des künstlerischen Vorhabens mit Bezugs zum Festivalthema.
  • Aussagekräftige Video-Dokumentationen über vorangegangene Produktionen, wenn möglich als Web-Link.
  • Angaben zum Bezug zur Metropolregion Rhein-Neckar und Antragsberechtigung. (Nachweis, dass ein oder mehrere der Künstler*innen in der Metropolregion Rhein-Neckar ihren Wohnort und/oder Produktionsstandort haben)
  • Lebensläufe aller Beteiligten.

Bewerbungsunterlagen & Einsendeschluss:

Alle Unterlagen bitte als PDF speichern und ausschließlich per E-Mail senden an:
►kulturamt.schwindelfrei@mannheim.de

Einsendeschluss: 13. Oktober 2019

Rückfragen zu formalen Fragen an: kulturamt.schwindelfrei@mannheim.de
Rückfragen zu inhaltlichen Fragen an: olivia.ebert.sf@gmail.com


Entscheidungsfindung:
Über die Auswahl entscheidet die künstlerische Leiterin des Festivals 2020, Frau Olivia Ebert, im November 2019. Maßgebend sind neben der Einhaltung der geforderten Voraussetzung die künstlerische Beurteilung sowie die organisatorische Umsetzbarkeit im Rahmen des Festivals.


Das Festival wird vom 3. - 5. Juli 2020 in folgenden Häusern der freien Szene stattfinden: EinTanzHaus, theater/haus G 7, zeitraumexit.

Das Thema

FABULATIONEN
more than a single story

It matters what stories tell stories.
It matters what thoughts think thoughts.

It matters what worlds world worlds.
Donna Haraway

Welche Geschichten schreiben unsere Geschichten fort? Welche gesellschaftlichen Fabeln und Erklärungsmodelle bestimmen unseren Blick auf die Welt und unsere Stadt? Welche Gedanken denken unsere Gedanken? Welche Welten und Realitäten entwerfen wir in Sprachen und Bildern, im täglichen Denken, Sprechen, Handeln? Wer nimmt den Faden auf, wer lässt ihn fallen, wer spinnt ihn weiter? Wer ist nicht Teil der Erzählung, nicht Teil des Spiels?

 

The danger of a single story nennt die nigerianische Schriftstellerin Chimananda Ngozi Adichie die Gefahr, eine Person oder ein Kollektiv auf ein einziges Merkmal zu reduzieren, wie es vielen Menschen täglich unterläuft, willentlich oder unabsichtlich. Auf dem Wege von Vereinfachungen und Einschränkungen durch eine einzige Definition oder Kategorisierung werden Diskriminierungen und Machtstrukturen erzählend fortgeschrieben und diskriminierende Realitäten mitverursacht. Mit more than a single story möchte Schwindelfrei 2020 dazu einladen, der Gefahr der einen Geschichte vielstimmig zu antworten.

 

Der Begriff der Fabulation betont dabei das erfinderische Potential derFabel, nicht als Flucht vor der Wirklichkeit, sondern um anderen Perspektiven jenseits der machtreichen Erzählungen Raum zu geben. Der französische Philosoph Gilles Deleuze verwendet Fabulation in einem politischen und emanzipatorischen Sinne für die Erfindung einer Geschichte der Menschen und Kulturen, die keinen Platz in der Geschichtsschreibung gefunden haben – und zwar sowohl in die Vergangenheit als in die Zukunft gesprochen. Kritische Fabulation nennt auch die Literaturwissenschaftlerin Sadiya Hartmann den Versuch, Geschichte zu (er)finden, wo diese nicht oder nur in Berührung mit den Mächtigen archiviert ist. Sie versucht in ihrem Aufsatz „Venus in Two Acts“ dem Leben zweier 1792 an Bord des britischen Sklavenschiffes „Recovery“ gewaltvoll ermordeten Frauen näherzukommen. Ihre Geschichte zu erzählen, ohne die Gewalt, die ihnen zugefügt wurde, zu wiederholen, erscheint ihr als ein ebenso notwendiges wie unmögliches Unterfangen.

Mit der feministischen Naturwissenschaftlerin Donna Haraway lässt sich schließlich fragen, welche spekulativen Fabulationen zu entwerfen sind – als eine Art unendliches Fadenspiel und interdisziplinäre Erzählung. Sie vertritt eine spekulative Erzählweise, die es im Entfalten neuer Welten erlaubt, Lust auf das zu machen, was im Zusammenleben auf und mit der Erde möglich wäre. Erzählungen können, wie es Donna Haraway bereits 1985 in ihrem Cyborg-Manifest vorschlug, als existentiell notwendiges, empowerndes Werkzeug begriffen werden, um sich in die Welt einzuschreiben.

 

Gesucht sind Ideen, Konzepte, Vorschläge für Schwindelfrei 2020, wie zum Beispiel: Neuschreibungen der vergessenen Erzählungen der Stadt Mannheim, ihrer Region, der Welt. Utopische, spekulative oder kritische Fabulationen und Zukunftsvisionen in Bezug auf Identitäten, Körper und Affekte, ihre Performativität und Darstellung, in Bezug auf Klima, Natur und alternative Formen des Zusammenlebens auf dieser Erde, auf Praxen von Solidarität und Commons (geteilte Ressourcen). Mythisch, fabulierend, spekulativ, utopisch, kritisch, abstrakt oder konkret, feministisch, queer, empowernd, affirmativ – Performances als futuristische Szenerie oder Eingriff in die Geschichte, als Raum, den die eine Erzählung nicht bietet, diesseits oder jenseits eines um den Menschen zentrierten Weltbildes oder als ganz anderer, noch zu imaginierender Möglichkeitsraum!