Das Thema

FABULATIONEN
more than a single story

It matters what stories tell stories.
It matters what thoughts think thoughts.

It matters what worlds world worlds.
Donna Haraway

Welche Geschichten schreiben unsere Geschichten fort? Welche gesellschaftlichen Fabeln und Erklärungsmodelle bestimmen unseren Blick auf die Welt und unsere Stadt? Welche Gedanken denken unsere Gedanken? Welche Welten und Realitäten entwerfen wir in Sprachen und Bildern, im täglichen Denken, Sprechen, Handeln? Wer nimmt den Faden auf, wer lässt ihn fallen, wer spinnt ihn weiter? Wer ist nicht Teil der Erzählung, nicht Teil des Spiels?

 

The danger of a single story nennt die nigerianische Schriftstellerin Chimananda Ngozi Adichie die Gefahr, eine Person oder ein Kollektiv auf ein einziges Merkmal zu reduzieren, wie es vielen Menschen täglich unterläuft, willentlich oder unabsichtlich. Auf dem Wege von Vereinfachungen und Einschränkungen durch eine einzige Definition oder Kategorisierung werden Diskriminierungen und Machtstrukturen erzählend fortgeschrieben und diskriminierende Realitäten mitverursacht. Mit more than a single story möchte Schwindelfrei 2020 dazu einladen, der Gefahr der einen Geschichte vielstimmig zu antworten.

 

Der Begriff der Fabulation betont dabei das erfinderische Potential derFabel, nicht als Flucht vor der Wirklichkeit, sondern um anderen Perspektiven jenseits der machtreichen Erzählungen Raum zu geben. Der französische Philosoph Gilles Deleuze verwendet Fabulation in einem politischen und emanzipatorischen Sinne für die Erfindung einer Geschichte der Menschen und Kulturen, die keinen Platz in der Geschichtsschreibung gefunden haben – und zwar sowohl in die Vergangenheit als in die Zukunft gesprochen. Kritische Fabulation nennt auch die Literaturwissenschaftlerin Sadiya Hartmann den Versuch, Geschichte zu (er)finden, wo diese nicht oder nur in Berührung mit den Mächtigen archiviert ist. Sie versucht in ihrem Aufsatz „Venus in Two Acts“ dem Leben zweier 1792 an Bord des britischen Sklavenschiffes „Recovery“ gewaltvoll ermordeten Frauen näherzukommen. Ihre Geschichte zu erzählen, ohne die Gewalt, die ihnen zugefügt wurde, zu wiederholen, erscheint ihr als ein ebenso notwendiges wie unmögliches Unterfangen.

Mit der feministischen Naturwissenschaftlerin Donna Haraway lässt sich schließlich fragen, welche spekulativen Fabulationen zu entwerfen sind – als eine Art unendliches Fadenspiel und interdisziplinäre Erzählung. Sie vertritt eine spekulative Erzählweise, die es im Entfalten neuer Welten erlaubt, Lust auf das zu machen, was im Zusammenleben auf und mit der Erde möglich wäre. Erzählungen können, wie es Donna Haraway bereits 1985 in ihrem Cyborg-Manifest vorschlug, als existentiell notwendiges, empowerndes Werkzeug begriffen werden, um sich in die Welt einzuschreiben.

 

Gesucht sind Ideen, Konzepte, Vorschläge für Schwindelfrei 2020, wie zum Beispiel: Neuschreibungen der vergessenen Erzählungen der Stadt Mannheim, ihrer Region, der Welt. Utopische, spekulative oder kritische Fabulationen und Zukunftsvisionen in Bezug auf Identitäten, Körper und Affekte, ihre Performativität und Darstellung, in Bezug auf Klima, Natur und alternative Formen des Zusammenlebens auf dieser Erde, auf Praxen von Solidarität und Commons (geteilte Ressourcen). Mythisch, fabulierend, spekulativ, utopisch, kritisch, abstrakt oder konkret, feministisch, queer, empowernd, affirmativ – Performances als futuristische Szenerie oder Eingriff in die Geschichte, als Raum, den die eine Erzählung nicht bietet, diesseits oder jenseits eines um den Menschen zentrierten Weltbildes oder als ganz anderer, noch zu imaginierender Möglichkeitsraum!